SPRACHE: Von Bierleichen, kühlen Blonden und Sauerbier

Mit dem Bierdurst ist es wirklich so eine Sache. In Deutschland ist für die etwa 1350 heimischen Brauereien seit 1991 jedes Jahr etwas mehr Hopfen und Malz verloren gegangen. Denn die Lust aufs Bier geht seither leicht, aber nahezu konstant zurück – sieht man mal von Jahren mit großen Fußballturnieren ab, die sich auch noch durch heiße Tage während einer WM oder EM auszeichnen und somit großen Bierdurst entfachen. Das war zum Beispiel 2006, beim deutschen Sommermärchen, oder 2014 während der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien der Fall, die auch in Deutschland bei sommerlichem Wetter den Gerstensaft stärker als üblich sprudeln ließ. Während jedoch 1991 jeder Deutsche, statistisch gesehen, noch 141 Liter Bier getrunken hatte, waren es 2015 noch 98 Liter – ein Rückgang um rund 30 Prozent.

Leider kann man aber nicht behaupten, die Zahl der Bierbäuche hierzulande sei entsprechend zurückgegangen. Im Gegenteil: Über die Hälfte der Bundesbürger gilt als übergewichtig, ein Viertel sogar als fettleibig – mit buchstäblich zunehmender Tendenz. Männer sind dabei häufiger dickleibig als Frauen und entwickeln auch öfter einen typischen, also stark vorgewölbten Schmerbauch.

Ein Bierbauch – oft auch als Brauereigeschwür bezeichnet – ist dies nicht immer. Dem Körper ist es gleichgültig, ob ihm zu viele Kalorien in flüssiger oder anderer Form zugeführt werden. Doch Bier trägt zweifellos zum Dickenwachstum des Menschen bei, wie Schnaps und Wein auch. Der reine Alkohol liefert nicht nur selbst Nahrungskalorien, nämlich etwa sieben Kilokalorien pro Gramm. Schlimmer wiegt, dass er zusätzlich die Fettsäure-Oxidation (Fettverbrennung) in der Leber und in den Körperfettzellen hemmt, und zwar um etwa ein Viertel. Dadurch bilden Fettpolster sich eher. Außerdem regt Alkohol den Appetit an und macht besonders Lust auf Deftiges. Das führt dem Körper zusätzliche Kalorien zu. Der sogenannte Bierbauch entsteht also vermutlich nicht durch so sehr durch den Alkohol im Bier, sondern durch einen veränderten Fettstoffwechsel und das unheilvolle Zusammentreffen von Bierdurst und Zusatz-Appetit.

Möglicherweise regt auch noch die sprichwörtliche Bierlaune, also das gesellige Zechen, den Appetit an. Die Bierlaune, von Feinsinnigen gerne Bierseligkeit genannt, ist die Folge davon, dass Alkohol generell enthemmt – man ist lustiger, waghalsiger und trinkt und isst über Durst beziehungsweise Hunger hinaus.

Wer es dabei zu bunt treibt, wird im Laufe des Abends zur Bierleiche – woran man allerdings nicht etwa stirbt, jedenfalls nicht sofort, denn die lebensverkürzenden Folgen des Alkohols für das Herz-Kreislauf-System und die Leber zeigen sich erst mit der Zeit. Bierleichen werden vielmehr entweder von wohlmeinenden Freunden (sofern selbst noch fahrtauglich) nach Hause kutschiert oder von Taxifahrern ganz nüchtern entsorgt. Manche der übelriechenden Untoten wachen allerdings neben ähnlich komatösen Schnapsleichen in Ausnüchterungszellen der Polizei wieder auf – in der Regel zusammen mit einem sehr übellaunigen Tierchen, das man Kater nennt.

Der Biereifer wiederum ist keine Bierlaune, sondern ein sehr beflissenes Herangehen an eine Aufgabe, das dem Ingrimm ähnelt, mit dem künftige Bierleichen sich dem Trinken widmen. So wie Letztere sich Glas um Glas hinter die Binde kippen, verschreiben die Biereifrigen sich ihrem Job oder Hobby.

Manche Freunde der Gerstenkaltschale (auch dies ein Tarnname des Bieres) verrichten ihr meist einsames Gelage mit großem Bierernst – sie sind keineswegs lustige Zecher, sondern düster entschlossene Trinker, die ihren Missmut oder Kummer im Alkohol ertränken wollen und sich dabei nach und nach um den verbliebenen Verstand saufen. Denn Alkohol schädigt nachweislich das Hirn.

Sagt ein Zecher in feuchtfröhlicher Runde: „Das ist nicht mein Bier!“, meint er damit nicht, dass seine Lieblingssorte eine andere sei, sondern dass er sich für den besprochenen Sachverhalt nicht interessiert oder für etwas nicht verantwortlich fühlt. Biertrinker, die in einer Kneipe partout „ihr Bier“ nicht erhalten, wechseln fast nie die Sorte, sondern schnell die Schenke.

Zu den Lebenslügen von Männern – seltener auch von Frauen – gehört die Aussage, man möge sich doch demnächst mal „auf ein Bier“ treffen. Das klingt bloß zivilisierter als ein Spruch, mit dem Mann der Wahrheit näher käm: „Lass uns mal wieder ruck, zuck vier Halbe vernichten“, ersatzweise in Bayern: „… zwei Maß“. Es liegt Männern offenbar eher, größere Bierportionen hinunterzustürzen, als anderthalb Stunden lang an zwei oder drei Gläsern Wein zu nippen.

Aber natürlich sind das nur üble Klischees! Genauso wie der aus Sicht von Mannsbildern ketzerische Satz, die Herren liebten ein kühles Blondes im Glas schon deshalb so sehr, weil sie sich vor einer kühlen Blonden uneingestanden schrecklich fürchteten. Vor zwei kühlen Blonden übrigens noch mehr.

Hält man den Männern das vor, werden sie mächtig sauer – ihr pH-Wert sinkt ungefähr so wie der von Sauerbier. Dieses versuchte man in früheren Jahrhunderten immer dann, wenn beim Brauen etwas schiefgegangen war, lauthals wie ein Marktschreier anzupreisen, damit das schwer genießbare Gesöff vielleicht doch noch einen Abnehmer fand. Trank ein Unglücklicher dann davon, machte er ein Gesicht wie … – eben: wie saures Bier!

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