SPRACHE: Röntgen konnte zwar morsen, aber nicht riestern

Sein Name hat Bestand – zumindest bisher: Walter Riester steht auch nach 14 Jahren noch für das nach ihm benannte Konzept, fürs Alter vorzusorgen, indem man sich eigene Sparleistungen staatlich bezuschussen und steuerlich begünstigen lässt. Erstmals abgeschlossen werden konnten Riester-Sparverträge im Jahr 2002; derzeit werden sie von etwa 16,5 Millionen Bundesbürgern genutzt. Das Verb „riestern“ hält sich dadurch wacker in der Umgangssprache. „Riestern als Wort werden wir brauchen, solange es die Riester-Rente gibt. Wörter veralten, sobald wir sie nicht mehr benötigen“, sagt die Germanistin Elke Donalies vom Institut für deutsche Sprache (IDS), die sich in einem Fachaufsatz mit Verben befasst hat, die sich aus Personennamen ableiten.

Doch was ist die vergleichsweise frische Bekanntheit des „Riesterns“ gegen den dauerhaften Ruhm des Röntgens! 1895 entdeckte der deutsche Physiker Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten unsichtbaren und radioaktiven Strahlen, die Knochen, aber auch Tumoren, Karies in Zähnen oder Herzinfarkte im Körper erkennbar machen. Und noch heute wird geröntgt, was das Zeug hält, Medizinkritikern zufolge sogar mehr als nötig, weil Röntgenologen (!) damit gutes Geld verdienen können. In den angelsächsischen Sprachen hat sich kein Verb „to roentgen“ etablieren können; dort heißt der strahlende Vorgang „to x-ray“. Besonders bei wegweisenden Verfahren wie dem Röntgen oder auch dem Pasteurisieren „liegt es nahe, sie nach dem Erfinder zu benennen“, sagt Elke Donalies.

Auch das Kneippen wird noch praktiziert und dürfte als Wort weithin verstanden werden. Die nach dem süddeutschen Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) benannte Wasserkur fußt auf Teetrinken, kalten Güssen und Wickeln, Arm- und Ganzkörperbädern sowie storchenartigem Wassertreten in Wasserbecken oder Bächen, außerdem auf spezieller Ernährung. Gekneippt wird inzwischen also noch länger als geröntgt, zum Beispiel in eigens so benannten Kneippkurorten.

Was würde Samuel Finley Breese Morse (1791–1872) wohl davon halten, dass sein Name trotz des weltumspannenden Internets noch immer vielen Menschen ein Begriff ist. Das entsprechende Verb („Mors mir deine Fragen schnell mal rüber!“) existiert im Deutschen, jedoch nicht jedoch im Englischen. 

Ab 1837 hat Morse den ersten praktisch nutzbaren elektrischen Schreibtelegrafen zum Übermitteln von Nachrichten entwickelt und dafür einen Code aus kurzen und langen Signalen erfunden. Der berühmte Hilferuf SOS zum Beispiel besteht aus zunächst drei kurzen, dann drei langen, gefolgt wieder von drei kurzen Signalen. Die Zeichen dieser Morsetelegrafie können statt als Laute auch als Lichtzeichen – zum Beispiel mit einer Taschenlampe – sowie auf andere Weise übertragen werden. Dazu muss der Empfänger  nur kurze und lange Signale sowie Pausen auseinanderhalten können.

Dass Morse kein Ingenieur, sondern Professor für Malerei, Zeichenkunst und Plastik war und sich sein Studium am Vorläufer der heute berühmten Yale-University teils mit dem Verkauf gemalter Miniaturen verdiente, ist viel weniger bekannt als sein Morse-Alphabet.

Seit mindestens 360 Jahren müsste inzwischen – wenn er selbst noch lebte – der Lübecker Buchdrucker Johann Balhorn der Jüngere (ca. 1550 bis nach 1604) ertragen, dass mit seinem Namen das Verballhornen bezeichnet wird, also das Verschlimmbessern oder ins Lächerliche Ziehen von Begriffen oder Wendungen. Nachweislich 1656 nämlich verhöhnte der Geschichtenerzähler Johann Peter de Memel erstmals den unglücklichen, aber damals schon verstorbenen Drucker als willkürlich „verbessernden“ Übersetzer, und zwar in seinem Werk „Lustige Gesellschaft“. Doch was war geschehen?

Balhorn hatte 1586 das bald weit über die Reichsstadt Lübeck hinaus bedeutsame Lübische Recht gedruckt – allerdings „Auffs Newe vbersehen“ und „Corrigiret“. Doch genau diese korrigierte Durchsicht des später in gut hundert Städten des Ostseeraums gültigen Stadtrechts war das Problem. Nicht näher genannte Bearbeiter (vermutlich solche des Lübecker Senats) verschlimmbesserten dabei den Wortlaut der Rechtsvorschriften. Die Folge war „eine nicht abreißende Flut ärgerlicher Prozesse“, wie der 2006 verstorbene Volkskundler Lutz Röhrich in seinem „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ schrieb. Dies zumal, da die misslichen Bestimmungen „bis ins 17. Jahrhundert hinein in Kraft blieben und die Unzufriedenheit der Masse wachhielten“. So konnte sich das Wort „verballhornen“ tief in der Umgangssprache einnisten.

Nicht nur im Rheinland kennen viele ältere Menschen bis heute das Verb „fringsen“ im Sinne von „etwas aus einer Notlage heraus stehlen“. Es geht zurück auf den Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings (1887–1978), der in seiner berühmten Silvesterpredigt am 31.Dezember 1946 während eines lange Zeit bitterkalten Nachkriegswinter Verständnis äußerte für Menschen, die in ihrer Not Lebensmittel stahlen oder mit Kohlen und Briketts beladene Züge plünderten.

Folgenreich war die Aussage des Kardinals: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann.“ Deutlich weniger beachteten die dadurch moralisch entlasteten Kohlenklauer den Zusatz aus dem Munde von Frings: „Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist. Und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückgeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott.“

Bis heute wecken Hausfrauen und Hausmänner Gemüse, Fleischgerichte oder Obst ein, indem sie die Lebensmittel einkochen und in sogenannten Weckgläsern lagern. Dabei müsste diese Konservierungsmethode eigentlich „einrempeln“ heißen, denn erfunden hat sie der Chemiker und Industriellensohn Rudolf Rempel (1859–1893) aus Gelsenkirchen. Er hatte die Idee, frisch eingekochte Lebensmittel noch heiß in Gläser mit glattgeschliffenem Rand zu füllen, die mit einem Gummiring zwischen Deckel und Glas sowie mit Hilfe einer gespannten Metallklammer luftdicht abgeschlossen werden konnten. Kühlte der Inhalt ab, entstand dadurch im Glas allmählich Unterdruck, der es noch sicherer verschlossen hielt. Dunkel und kühl gelagert, ist das Eingemachte über Monate oder gar Jahre hinweg haltbar.

Rempel ließ sich sein Verfahren 1892 patentieren, starb aber schon im Jahr darauf. Einer seiner ersten Kunden war der im Taunus geborene Johann Carl Weck (1841–1914) gewesen, der Rempels Patent 1895 von einem Zwischenbesitzer erwarb und in der Folge Weckgläser in größerem Stil herstellte, ab dem Jahr 1900 mit einem Geschäftspartner im südbadischen Öflingen bei Waldshut. Bereits 1907 führte der Duden das Verb „einwecken“ auf – von „einrempeln“ jedoch keine Spur!

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