PSYCHOLOGIE: Schlüpf doch bitte mal in meine Schuhe!

Keine Frage: Wenn Streithähne unbedingt solche bleiben wollen, ist Hopfen und Malz ohnehin verloren, keine Annäherung oder gar Verständnis für die Argumente des anderen möglich, weil schlicht nicht erwünscht – am Ende müsste man noch anerkennen, sich geirrt oder sehr kleinlich gedacht zu haben! Wer jedoch prinzipiell Versöhnlichkeit hochhält, könnte großen Erfolg haben mit einer Streit-Schlichtungsmethode, die Psychologen der Universität von Kalifornien in San Diego experimentell als sehr nützlich herausstellen konnten, um widerstreitende Positionen einander anzunähern.

Nach Ansicht der US-Psychologen um Hannah M. Tuller und Nicholas Christenfeld reicht es nicht, sich die Argumente der anderen Seite bloß anzuhören. Denn dies führt nachweislich schnell dazu, sie ins Lächerliche zu ziehen oder als voreingenommen, befangen und unausgewogen abzutun. Schon besser sei es, die Welt – wie es im Volksmund heißt – einmal mit anderen Augen zu sehen, also die Argumentation des Gegenübers geistig nachzuvollziehen. Doch einen viel stärkeren Effekt hat es der US-Studie zufolge, die Argumente der Gegenseite schriftlich zu begründen. Obwohl man anders denkt, macht man sich folglich zum Anwalt der Gegenposition und schreibt dafür eine Art Plädoyer nieder, ähnlich einem Verteidiger vor Gericht.

Nötig ist dazu ein gewisses Maß an Empathie, also Einfühlung, in die Denkweise des Gegenübers sowie die grundsätzliche Bereitschaft, den Versuch zu wagen. Dazu schlüpft man sozusagen in die Schuhe des anderen, was auch in einer alten indianischen Weisheit anklingt, die da lautet: „Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin.“

Im ersten Experiment der US-Psychologen wurden die 85 studentischen Versuchsteilnehmer zunächst durch recht belanglose Themen, über die sich mit einem ihnen unbekannten Partner austauschen  sollten, etwas miteinander vertraut gemacht. Danach wurden sie getrennt und in verschiedene Räume geführt. Dort mussten sie erneut einige unspektakuläre Informationen über sich schriftlich preisgeben, von denen es hieß, dass ihr Partner sie später lesen dürfe – ein Ablenkungsmanöver, um das eigentliche Ziel des Versuchs zu verschleiern. Als Nächstes täuschte man ihnen vor, ihr Versuchspartner im anderen Raum denke völlig anders als sie selbst über den Fall einer 32-jährigen Lehrerin, die von einer Schule nicht eingestellt worden sei, weil sie fettleibig ist und die betreffende Schule prinzipiell keine stark übergewichtigen Lehrkräfte einstelle. Dann mussten die Studierenden auf einer Skala von 1 bis 6 ihre Meinung zu dem Vorfall bekunden, wobei die Ziffer 1 für totale Ablehnung der Schulpolitik gegenüber fettleibigen Bewerbern  stand und die 6 für umfassende Zustimmung zu ihr.

Nun musste ein Teil der Testpersonen ihre eigene Meinung über diesen Vorfall schriftlich begründen – ohne die Gewissheit, ob ihr vermeintlich extrem andersdenkender Partner diese Niederschrift je zu Gesicht bekommen werde. Sie wussten aber, dass sie die ihnen nun schon etwas vertraute Person selbst noch einmal wiedersehen würden. Die zweite Hälfte der Versuchsteilnehmer bekam die Aufgabe, die angeblich stark von ihrer eigenen Meinung abweichende Ansicht ihres Versuchspartners ebenfalls schriftlich zu begründen. Außerdem hieß es nun, dieser werde das Schriftstück zu lesen bekommen, um zu prüfen, wie exakt seine Meinung darin wiedergegeben werde. Am Anschluss daran würden beide Partner wieder aufeinandertreffen.

In Wahrheit aber bekamen die Versuchsteilnehmer dieser zweiten Gruppe nach der Niederschrift vorgefertigte Begründungen zu lesen, die gar nicht von ihrem jeweiligen Testpartner stammten.  Das wäre auch kaum möglich gewesen, denn 82 von 85 Testpersonen waren klar gegen die Politik der Schule, fettleibige Lehrkräfte nicht einzustellen. Anschließend mussten alle Probanden ihre Meinung über den Fall der abgelehnten Lehrerin erneut bekunden, so dass die Psychologen etwaige Unterschiede in der Meinungsdifferenz zum ersten Durchgang ermittelten konnten.

Das entscheidende Ergebnis des Experiments: Testpersonen, die sich schriftlich in die abweichende Argumentation ihres jeweiligen Partners einfühlen mussten, näherten ihren eigenen Standpunkt jenem des Partners erkennbar an. Einschränkend sei erwähnt, dass deutlich mehr Frauen als Männer am Versuch  teilnahmen (nämlich 67 gegenüber 18 Männern), und alle Testpersonen waren Studierende.

Diese Prozedur wurden im zweiten Experiment (91 Teilnehmer, 68 Frauen) wiederholt, diesmal jedoch mit einer bekanntermaßen sehr strittigen Frage, zu der Menschen ihre Einstellung meist äußerst ungern ändern: Sollte die 16-Jährige Tori, die vom Freund ihrer Mutter vor elf Wochen vergewaltigt worden und seither schwanger ist, den Fötus abtreiben dürfen? Auch hier neigten die Testpersonen der Meinung ihres vermeintlich ganz anders denkenden Partners am Ende deutlich eher zu, wenn sie seine Ansichten – statt ihrer eigenen – zuvor schriftlich hatten erklären müssen.

In zwei weiteren Experimenten zeigte sich, dass der persönliche Kontakt zu einem Andersdenkenden entscheidend dafür ist, ob man ihm gegenüber seinen eigenen Standpunkt angleicht. Denn mussten die Testpersonen eine ihnen sehr fernliegende Meinung gegenüber neutralen „Experten“ begründen statt gegenüber dem ihnen bekannten Meinungsgegner selbst, milderten sie ihre Standpunkte interessanterweise nicht ab. Dasselbe geschah, wenn sie dem Andersdenkenden weder vor noch nach dem schriftlichen  Plädoyer für seine Argumente gar nicht begegneten. Das heißt: Gegenüber Menschen, für die wir uns durch persönlichen Kontakt in gewisser Weise verantwortlich fühlen, sind wir eher geneigt, unsere Meinung anzupassen, als gegenüber uns gänzlich Unbekannten. Bekanntschaft fördert also Empathie, mithin Einfühlung in die konträren Ansichten unseres Gegenübers.

Diese Erkenntnisse können nicht nur für Konflikt-Mediatoren – zum Beispiel in Fällen von Nachbarschaftsstreit – methodisch hilfreich sein. Nicholas Christenfeld hält die Methode auf Nachfrage ebenfalls für gut geeignet, um Beziehungskonflikte oder heftige Meinungsverschiedenheiten im Kollegenkreis zu entschärfen, auch seine Fachkollegen und er diese Problemfälle nicht eigens untersucht haben. „Anzuerkennen, dass ein Meinungsgegner kein Narr ist oder böse Absichten hat, ist ganz generell nützlich, um sich mit jemandem zu versöhnen, einen Kompromiss zu finden und in der Sache voranzukommen“, urteilt  der Psychologie-Professor von der Universität San Diego. Sich schreibend in den anderen einzufühlen, kann hartnäckigen Streit lindern und schmerzhafte wie langwierige Konflikte entschärfen helfen.

 

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Zur Originalstudie:

 - Tuller, H. M., Bryan, C. J., Heyman, G. D., Christenfeld, N. J. S. (2015):  „Seeing the other side: Perspective taking and the moderation of extremity“. In: Journal of Experimental Social Psychology, 59, 28-23.

- Volltext im Netz:

https://www.researchgate.net/publication/272753388_Seeing_the_Other_Side_Perspective_Taking_and_the_Moderation_of_Extremity (DOI: 10.1016/j.jesp.2015.02.003)