PFERDE: Warum es so übel ist, wenn es Pferden übel wird

Wer ausruft, „man hat schon Pferde kotzen sehen“, will darauf hinweisen, dass auch etwas sehr Unwahrscheinliches sehr wohl eintreten kann. In der Tat ist es für Pferde zumindest sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich, sich im üblichen Sinne zu übergeben. Dietz Donandt, seit dreißig Jahren Veterinär und Inhaber der privaten Pferdeklinik München-Riem, hat „noch nie“ beobachten können, dass ein Pferd sich erbricht. Bei Menschen, Hund und Katze sei „damit ja gemeint, dass das Zwerchfell sich zusammenzieht, dabei Druck auf den Magen ausübt und dadurch der Schluckvorgang rückwärts funktioniert“, so dass Mageninhalt aus Mund oder Maul gepresst wird. Das sei beim Pferd aufgrund seines kontrahierbaren Zwerchfells „zwar theoretisch möglich, doch gesehen habe ich das noch nie“.

Womöglich liegt das an einem kräftigen, ringförmigen Verschlussmuskel am Ende der etwa 1,20 Meter langen Speiseröhre von Pferden, am sogenannten Magenmund (Cardia). Dieser Schließmuskel (lat. Musculus sphincter cardiae) verhindert in aller Regel das Rückfließen des zerkauten Futters aus dem Magen in Richtung Maul. Zudem mündet die Speiseröhre in sehr spitzem Winkel in den Magen, was den Rückfluss zusätzlich erschwert. Immerhin kann es vorkommen, dass auch Pferde rülpsen. „Gas kommt schon durch, das riecht man dann auch“, sagt Donandt. 

Erlebt hat der Fachtierarzt für Pferde aber einige Male, dass Mageninhalt nach außen abfließt, wenn ein Pferd in Narkose liegt, doch dann trete der Mageninhalt immer zur Nase heraus, nicht zum Maul. Das passiert auch bei einer sogenannten Schlundverstopfung, einem gar nicht so seltenen Pferdeleiden, bei dem die Speiseröhre sich verkrampft und von größeren, oft hastig verschluckten Futterpartikeln wie Rüben-, Möhren- und Apfelstücken oder von Futterpellets aus Mais und Gras verstopft wird. Ein betroffenes Pferd müsse dann würgen und habe einen Brechreiz, doch das Futter kommt auch hier typischerweise aus der Nase, „weil das Gaumensegel den Maulausgang blockiert“.

Für die Pferde wäre es jedenfalls besser, sie könnten sich übergeben. Dann nämlich, wenn sie zu schnell und noch dazu stark aufquellendes oder gärendes Futter gefressen haben, zum Beispiel Gras oder Rübenschnitzel. Denn dann kann es gefährlich werden. „Primäre Magenüberladung“ nennen Tierärzte das äußerst schmerzhafte Phänomen.

In so einem Fall wäre es sehr entlastend für das leidende Pferd, erbrechen zu können. „Doch eher platzt der Magen“, merkt Donandt an – zumindest wenn nicht rechtzeitig der Tierarzt komme. Ein Konstruktionsfehler der Natur sei das nicht, denn: „Wildpferde kennen so etwas nicht, die fressen ja nicht so viel Kraftfutter auf einmal und können sich an das Gras im Frühjahr langsamer gewöhnen, weil sie ständig draußen leben und nicht plötzlich von Trocken- auf Grasfutter umgestellt werden.“ 

Für Stalltiere hingegen, die auf einen Schlag ihr Winterquartier verlassen und wieder längere Zeit oder sogar ganztätig draußen weiden dürfen, bedeutet der plötzliche Futterwechsel Stress. Denn nicht nur ändert sich die verfügbare Menge an Futter, sondern auch dessen Zusammensetzung. Und daran muss sich die Bakterienflora im Gedärm der Tiere schrittweise anpassen.

Weidegras enthält nämlich viel Zucker und Eiweiß, aber nur wenig Rohfaser. Kühe zum Beispiel sollten in den ersten zwei bis drei Wochen, besser sogar noch etwas länger, nur stundenweise auf die Weide gehen dürfen, damit der Pansen nicht übersäuert wird. Pferde reagieren ohnehin sehr empfindlich auf ein deutlich verändertes Futterangebot. Wenn ihnen keine Durchfall und Koliken drohen sollen,  müssen sich jene Darmbakterien nach dem langen Winter erst wieder vermehren, die ihnen beim Verdauen des Grünfutters entscheidend behilflich sind. Dazu ist es ratsam, das Futter der Huftiere in den ersten vier Wochen des Weidegangs schrittweise anzupassen – bei hohem Heuanteil und verringerter Zufuhr von Kraftfutter. So wird den Pferden der Futterwechsel nicht unnötig übel aufstoßen.

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