NATUR: Gesundes Männlein im Walde

Der widerborstige Kinderspaß lief in etwa so ab: Man pflückte ein oder zwei möglichst reife Hagebutten und quetschte sie zwischen Daumen und Zeigefinger so lange, bis sie aufplatzen und die widerborstigen Nüsschen im Innern heraustraten. Das musste freilich im Verborgenen geschehen, beispielsweise hinterm Rücken oder in der Jackentasche.

Das Opfer der bevorstehenden Attacke hatte man natürlich bereits ausgewählt – vorzugsweise einen nicht allzu kräftigen Jungen mit weitem Hemdkragen oder einem aus der Hose hängenden T-Shirt. Damit die Hagebutte ihrem wenig stubenreinen Kampfnamen gerecht werden konnte, mussten die – nun ja – Arschkratzer natürlich in Kontakt mit dem Allerwertesten gelangen. Auf den dadurch verursachten Juckreiz spielt auch ein anderer, in Süddeutschland und Österreich verbreiteter Name der Hagebutte an: Arschkitzel.

Wer die zerdrückte Frucht (botanisch korrekt: Sammelfrucht) also nicht bloß auf dem Rücken des Opfers verreiben, sondern am optimalen Einsatzort platzieren wollte, musste blitzschnell vorgehen: möglichst mit einem Griff Hose samt Unterhose lockern, den Hagebutten-Brei einwerfen und sofort danach mit dem wieder losgelassenen Stoff an die Haut des Unglücklichen pressen. Danach empfahl es sich abzuhauen, wobei das eingeschlagene Tempo von der bekannten oder vermuteten Wehrhaftigkeit des Opfers abhing.

Der juckende Jux dürfte einer der Gründe dafür sein, dass die Kinder vor vierzig Jahren noch ein paar heimische Pflanzen mehr erkannten als heute. Doch auch sie wussten meist nicht, wie segensreich die Hagebutte der Hundsrose wirken kann, wenn man sie anders einsetzt – nämlich als Tee, Marmelade, Zutat beim Kochen oder als Naturarznei.

Wo man Hagebutten oft finden kann, würde schon ihr Name verraten, wären dessen Bestandteile heute noch geläufig – wobei Butte, ähnlich wie beim Apfelbutzen oder der Butzenscheibe nur die dickliche, runde Form beschreibt. Hag indes ist ein altes Wort für Hecke, weshalb die Hunds-Rose (Rosa canina) auch Heckenkirsche genannt wird. Der Hund vor der Rose im Namen soll dabei nur heißen, dass man den hundsgemeinen, also sehr gewöhnlichen Strauch vielerorts finden kann, etwa an Wegrändern oder Böschungen, an denen sie auch gezielt als Bodenfestiger gepflanzt wird. Auf Kahlschlägen wächst das frostharte Pioniergehölz schon sehr früh.

Seine roten Scheinfrüchte werden meist im Oktober oder November noch vor dem ersten Frost geerntet, sind aber auch den ganzen Winter hindurch noch gut genießbar, auch frisch. Nur die Samen in der Butte, die eigentlichen Früchte, sollten ihrer kleinen Widerhaken wegen zuvor entfernt werden.

Das süßsaure Fruchtfleisch weist sehr viel Vitamin C (Ascorbinsäure) auf. Es enthält etwa zwanzigmal so viel davon wie Zitronen. Reichlich enthalten sind aber auch Provitamin A sowie die Vitamine B1, B2, E und K, außerdem Fruchtsäuren und lebenswichtige Spurenelemente (Mineralien).

Als „Fructus cynosbati“ (Scheinfrüchte) werden die getrockneten roten Beeren gehandelt, die darin enthaltenen Nüsschen als „Semen cynosbati“. Gängige Früchtetees enthalten zu großen Teilen Bestandteile von Hagebutten. Daraus hergestellte Marmelade gilt als appetitanregend. Hagebutten-Mus wird in der Naturheilkunde auch gegen Gicht und Rheuma verwendet, das aus den Kernen gepresste Öl zur Hautpflege.

Skandinavischen Studien zufolge helfen Bestandteile der Hagebutten nachweislich gegen Arthrose und Gliederschmerzen. Mittlerweile gebe es „drei ernst zu nehmende Studien, die belegen, dass Hagebuttenpulver einen positiven Effekt bei Arthroseschmerzen hat und dass dadurch die Dosis von Schmerzmittel gesenkt werden konnte“, sagt Matthias Hamburger, pharmazeutischer Biologe an der Universität Basel, ein Spezialist für pflanzliche Arzneimittel. Zwar wirke das Pulver schwächer als rezeptpflichtige Arzneien, sei dafür aber sehr gut verträglich. Hamburger wendet sich aber gegen eine Selbstbehandlung und rät in jedem Fall zum Arztbesuch.

Ob Hagebuttenpulver auch gegen chronische Rückenschmerzen hilft, hat vor einigen Jahren Professor Sigrun Chrubasik vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg im Breisgau herausfinden wollen. An ihrer Studie nahmen 112 Patienten teil, die über behandlungswürdige Dauerschmerzen im unteren Rücken klagten. Die Testpersonen nahmen täglich fünf bis zehn Gramm Hagebuttenpulver ein. Bei über 60 Prozent von ihnen ließen die Beschwerden deutlich – nämlich um mindestens die Hälfte der früheren Stärke – nach, und zwar nach 18 Wochen. Das Pulver wirkt anti-entzündlich, lindert Schmerzen und verzögert die Zerstörung von Gelenkknorpeln – und dies mit deutlich weniger Nebenwirkungen als übliche Schmerzmittel.

Doch nicht nur dem Menschen munden und nutzen die Hagebutten. Für etliche Vogel- und Säugetierarten sind die reifen Früchte eine willkommene, weil wohlschmeckende Nahrungsquelle. Im Herbst suchen Igel, Rotfuchse und verschiedene Mäusearten Hagebutten-Büsche auf, um sich die Früchte schmecken zu lassen. Und auch Amseln, Sing- und Wacholderdrossel sowie Rotkehlchen und viele andere Vogelarten wissen gerade im kargen Winter diese leicht zu findende Nahrungsquelle zu schätzen – und verbreiten über die unverdaulichen Samen den Strauch weiter.

Im Frühjahr wiederum summen Wildbienen und flattern Schmetterlinge rings um die Blüten der Heckenrose und saugen daraus Nektar. Über hundert Kleinlebewesen finden im Wildrosenstrauch Nahrung, heißt es beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen. Damit stehe er „auf Platz 5 der Hitliste der Futtersträucher für Insekten“. Nur ein Beispiel, das zeigt, warum Feldsträucher und solche an Wegrändern ökologisch so wichtig sind.

Auch das Liedgut hat die Hundsrose bereichert: Denn wenn es im rund 170 Jahre alten Volkslied aus der Feder August Heinrich Hoffmanns von Fallersleben heißt, ein Männlein stehe im Walde „ganz still und stumm“ und habe „von lauter Purpur ein Mäntlein um“, dann meinte der Dichter des Deutschlandliedes nicht etwa den Fliegenpilz, sondern die Scheinfrucht der Hundsrose. Das verrät freilich erst die seltener gesungene Schlussstrophe des eingängigen Liedes: „Das Männlein dort auf einem Bein, mit seinem roten Mäntelein und seinem schwarzen Käppelein, kann nur die Hagebutte sein.“

 

(hier ENDE bei 6240 Anschlägen)

 

Eines übrigens muss, wer die Hagebutte vom Strauch pflücken möchte, nicht beachten: Man darf getrost dabei hinschauen, ohne seinen Augen zu schaden. Den Blick lieber abzuwenden, empfahl seltsamerweise der griechische Botaniker und Philosoph Theophrast um 300 vor Christus, der immerhin eine neunbändige „Naturgeschichte der Gewächse“ verfasst hatte. Deutlich sinnvoller ist es, sich nach dem Pflücken die Augen nicht mit den Fingern zu reiben – vor allem nicht nach dem Zerdrücken der Butte, da die Juckreiz-Attacke dann den Übeltäter leicht selbst befällt.

(6800 Anschläge)

Zur Studie:

Sigrun Chrubasik und andere: „Zur anti-entzündlichen Wirksamkeit von Pulver aus der Hagebutte“, erschienen in: Zeitschrift für Phytotherapie, 2009; 30: 227-231,
DOI: 10.1055/s-0029-1242924