MODERNE ZEITEN: Unvorteilhafte Selfies

Das Selfie, mithin das per Handy von sich selbst aufgenommene Bild, ist auf dem besten Weg, zur veritablen Landplage zu werden. Kein Aussichtsturm, kein Schlossbalkon, kein einigermaßen attraktiver Ort in unserer Landschaft – und ohnehin kein Biergarten oder Popkonzert –, an dem nicht binnen kürzester Zeit jemand mit einem Schlau-Phone in der Hand auftaucht, seinen Arm ausfährt, das Gesicht zu einer Grimasse verbeult und sich dann selbst fotografiert.

Auf Burgtürmen kann man längst Herzattacken erleiden, weil nicht nur Japaner und Chinesen, sondern auch Einheimische mit einer gereckten Lanze auf einen zuzuschreiten scheinen, die sich dann gerade noch rechtzeitig vor bedrohlich einsetzender Luftnot als Selfie-Teleskopstange entpuppt. Mitreisende braucht keiner mehr; die Urlaubsbilder von sich schießt man heute selbst.

Offenbar ist die Aussicht am Aussichtspunkt längst zweitrangig geworden; es geht um das holde Antlitz, das fotografisch verewigt werden muss – wobei selbst das Verewigen womöglich gar nicht mehr Sinn der Sache ist, sondern das höchstbaldige Versenden des Fotobeweises an all jene, die das schwer zu schätzende Glück haben, im Handy-Verteiler eines solchen Ego-Chronisten abgespeichert zu sein.

Kaum hat ein Schlau-Phone-Besitzer eine halbwegs sehenswerte Stelle in der Weltgeschichte erreicht, zwingt ihn ein ungestümer innerer Drang dazu, sein halbes Heimatland an diesem epochalen Ereignis teilhaben zu lassen – wie es ja heute ohnehin weitaus mehr Fotografen als Bildbetrachter, mehr Schreiber als Leser und mehr Musiker als Hörer zu geben scheint. Ich sende, also bin ich!

Vorbei die Zeiten, als Verliebte noch ein Herz mit den Anfangsbuchstaben der beiden Liebeswahnsinnigen in die Rinde unschuldiger Bäume ritzten. Damals hatte man ja auch noch Messer dabei statt eines Fotoapparates, mit dem man praktischerweise auch telefonieren, vor allem aber die ganze Welt nahezu in Echtzeit mit seinen Bildern beglücken kann, ob auf Facebook oder Instagram.

Dabei geht es den modernen Sofortbild-Fotografen nicht nur darum, im Stile früherer „I was here“-Marken zu beweisen, dass sie – nun ja – leibhaftig vor Ort waren. Sie wollen dabei auch noch gut aussehen -  jedenfalls so, wie sie sich gerne selber sähen. Die Frage ist nur, ob ihnen das in der Regel gelingt.

Dies herauszufinden, war das Forschungsinteresse kanadischer Psychologen um Daniel Re und Nicholas Rule von Universität Toronto. Die Wissenschaftler wollten klären, ob beim Betrachten der Fotos die Eigen- und die Fremdwahrnehmung deckungsgleich oder wenigstens sehr ähnlich sind. Kein Mensch hat schließlich auf die Dauer Spaß daran, Schnappschüsse von sich im weltweiten Netz zu verbreiten, für das sich die meisten Betrachter fremdschämen.

Psychologen wissen, dass Menschen dazu neigen, ihre positiven Eigenschaften zu über- und die negativen zu unterschätzen. Das ist nützlich für ein stabiles Selbstbild, aber keine gute Voraussetzung fürs allzu beherzte Verbreiten von Selfie-Bildern. Das Forschungsteam um Daniel Re ging davon aus, dass vor allem eifrige Selfie-Verbreiter beim Inszenieren ihrer Gesichtsfassade zu sehr vom Schönen und Guten ausgehen.

Um diese Hypothese zu überprüfen, durften die Teilnehmer der kleinen Studie ein Selfie schießen, bevor die Versuchsleiter ebenfalls ein Foto von den Kandidaten aufnahmen. Dann wurden die Probanden gebeten zu beurteilen, wie attraktiv und sympathisch sie auf den beiden so entstandenen Fotos wirkten. Zudem mussten sie preisgeben, wie häufig sie üblicherweise Selfies aufnahmen und wie wichtig es ihnen war, von anderen als überlegen und großartig wahrgenommen zu werden. Diese Einschätzung diente dazu, den persönlichen  Narzissmus, also das Maß der Selbstverliebtheit, abzuschätzen. Schließlich durfte eine Gruppe unabhängiger Testpersonen beurteilen, wie attraktiv, sympathisch und narzisstisch die Selfie-Produzenten auf sie wirkten.

Man ahnt schon das Ergebnis – ein nicht gerade seltenes Phänomen bei psychologischen Studien: Grundsätzlich schätzten die Selfie-Fotografen ihre Attraktivität und Sympathie höher ein als die unabhängigen Gutachter. Dies galt umso mehr, je öfter sie Eigenbilder anfertigten. Wer häufig Selfies aufnimmt, hält sich also mit großer Wahrscheinlichkeit für ziemlich gut aussehend, ist aber dieser Studie nach nicht öfter narzisstisch veranlagt als nur gelegentliche Selfie-Knipser. Die unabhängig Urteilenden hielten die auf Selfies Abgebildeten prinzipiell für selbstverliebter als auf den Fotos, welche die Versuchsleiter geschossen hatten; außerdem für weniger anziehend und weniger sympathisch.

Selfies verfehlen also leicht ihren Zweck, die darauf abgebildeten Schönlinge auch schön aussehen und sympathisch wirken zu lassen. Obendrein werden die Ego-Knipser auch noch für selbstverliebter als andere Menschen gehalten, obwohl sie es nicht notwendigerweise sind.

Es dürfte das Image der Selfie-Schützen und ihren Ruf als Fotokünstler nicht unwesentlich aufmöbeln, wenn sie auf Schloss Neuschwanstein zur Abwechslung mal wieder ein paar pittoreske Türmchen und eindrucksvolle Zinnen ablichteten statt ihrer sonnenverbrannten Nase, die meist zweifelhaft umrahmt wird von irre wirkenden Gesichtszügen. Auch wenn das nun wieder ganz gut zum Auftraggeber des Schlossbaus, dem „Kini“ Ludwig II., passt.

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Originalstudie:

Re, D. E., Wang, S. A., He, J. C., & Rule, N. O. (2016). Self indulgence: Self-favoring biases in perceptions of selfies. Social Psychological and Personality Science, 7, 588­–596. doi: 10.1177/1948550616644299