KOLUMNE: Bewerten Sie uns doch endlich!!!

Kaum hatte ich den Taxifahrer bezahlt und die Wagentür ins Schloss geworfen, summte auch schon mein Handy und fragte mich: „Vielen Dank, dass Sie eines unserer Taxis genutzt haben. Wie bewerten Sie unsere Dienstleistung?“

Der Mann hatte mich von A nach B gebracht, wie zig Taxifahrer vor ihm auch. Erkennbare Umwege war er nicht gefahren. Für den Verkehr auf der Straße konnte er nichts. Was also sollte ich bewerten? Blöde Witze? Anzügliche Bemerkungen? Heftiges Zigarettenrauchen während der Fahrt? Alles nicht vorgekommen.

Man kann sich heute kein Paket Wein oder kein gebrauchtes Buch im Netz bestellen, ohne dass man hinterher bewerten soll, wie zufrieden man mit der Lieferung war. Schon das ist ein Grund, den Wein möglichst im Laden zu kaufen. Wobei dann wahrscheinlich der Weinhändler zuvor die Lieferung des Winzers hat bewerten müssen.

Und erst diese unsäglichen Telefon-„Dienst“-Leister, die man nun wirklich alle in einen Sack, und dann ordentlich … – aber gut. „Hallo, Herr Schmidt“, simste mir mein Mobilfunkanbieter neulich. „Zur Verbesserung unseres Services möchten wir Ihnen 4 Fragen zu Ihrem Kontakt am 3.2.2016 stellen (Antwort kostenlos).“ Die erste Frage folgte auf dem Fuß: Wie zufrieden waren Sie mit dem Service des letzten Kontakts? Bitte bewerten Sie uns mit 10 (sehr zufrieden) bis 1 (sehr unzufrieden).“

Ich antwortete nicht, sonst wären noch drei Fragen angerauscht gekommen. Ich konnte mich an den Kontakt vom Vortag ohnehin kaum noch erinnern, außer an den Inhalt meiner Beschwerde: Ich sollte nämlich dafür, dass ich dem Mobilfunkanbieter angeblich nicht rechtzeitig meine neue Anschrift mitgeteilt hatte (immerhin nur wenige Tage nach dem Umzug!),  1,24 Euro für die Recherche meiner neuen Wohnadresse zahlen. Dabei hatte die Kundenbetreuerin ausdrücklich erwähnt, dass man auf meine neue Anschrift von der Deutschen Post im Rahmen des Nachsendeauftrags hingewiesen worden ist. Warum also Recherche? Und wozu braucht man meine Postadresse überhaupt, wo man doch meine Mailadresse hat und die Mobilfunknummer – und ich die Rechnungen ohnehin eigenhändig runterladen muss, sie also gar nicht zugesandt bekomme!

Und DAS  sollte ich bewerten?

Inzwischen weiß ich, dass man als Kunde verpflichtet ist, auch dem Telekommunikations-Unternehmen die neue Adresse mitzuteilen. Steht irgendwo im Kleingedruckten, das eh kaum ein Mensch liest – womit die Unternehmen natürlich kalkulieren.

Aber könnte man den Kunden im Sinne echten Kundendienstes nicht erst mal auf sein Versäumnis freundlich hinweisen, statt ihm einen Kleckerbetrag in Rechnung zu stellen, der so gering ist, dass kaum jemand sich darüber beschweren dürfte. Im Klingelbeutel des Unternehmens hingegen macht solches Kleinvieh dann durchaus Mist. Aber ich schweife ab. Es geht ja ums Bewerten.

Und manche Leute scheinen nichts lieber zu tun – zum Beispiel beim größten Online-Versandhändler aller Zeiten. Als Autor einiger Sachbücher hat man da so manches Aha-Erlebnis. Noch heute frage ich mich, warum um Himmels willen jemand zu einem meiner Bücher ein Urteil wie das folgende abgegeben hat: „Cooles Buch, aber nicht für mich. Zumindest nicht in dieser Zeit. Hab gerade viel anderes zu lesen. Es wird aber nicht verschwunden sein, denn irgendwann werde ich es dann doch lesen.“ Das musste einfach mal gesagt werden. Nur: Was am Buch lässt es für diesen Menschen cool erscheinen? Dass es überhaupt ein Buch ist?

Früher kritzelten die Leute mit Farbe „I was here“ an Wände oder ritzten es in die Rinde von Bäumen; heute geben sie ihre Kommentare im weltweiten Netz zum Besten. Das meiste ist zwar schon gesagt, aber halt noch nicht von jedem oder jeder.

Wann immer Unternehmen oder andere Institutionen mich darum bitten, das zu bewerten, was sie für mich getan haben, habe ich nur eine einzige Frage: Was geschieht mit den Rückmeldungen? Passiert überhaupt irgendetwas? Ich habe da so meine Zweifel.

Neulich schickte mir ein Buchversand nicht nur das von mir bestellte gebrauchte Buch, sondern mit getrennter Post auch einen Roman, der nicht für mich bestimmt war. Immerhin bat er mich nicht, das auch noch zu bewerten. Das wiederum hat mich derart für ihn eingenommen, dass ich mir die Mühe machte, eine Mail an den Versand zu schicken. Schließlich hatte jemand anderer schon Geld für das Buch bezahlt.

Also schlug ich pragmatisch vor,  man möge mir einen fertig adressierten und frankierten Umschlag zukommen lassen, in dem ich das Buch zum Besteller weiterleiten würde. Ich hörte zunächst wochenlang nichts mehr von diesem Versand. Dann traf zwar kein freigemachter Umschlag, dafür aber eine Mail mit der Bitte ein, die Zusendung an mich zu bewerten.

Selbst in Restaurants und Gasthäusern darf man seinen Senf zum Essen und zum Service abgeben – in Hotels sowieso. Vielerorts liegen dazu am Ausgang beziehungsweise auf den Zimmern kleine Zettel mit einigen Fragen, nach deren Lektüre man dann Punkte nach dem Muster von Schulnoten vergeben darf.

Man fragt sich heutzutage, wie gastronomische und Beherbergungsbetriebe es überhaupt ins 21. Jahrhundert geschafft haben. Wie haben sie die 1960er Jahre überlebt, wie die 1970er, als noch weit weniger bewertet und um Bewertung gebeten wurde als mittlerweile. Aber vielleicht hat es den Betrieben damals einfach gereicht, dass die Gäste wiedergekommen sind. Oder die Gäste haben ihre Zufriedenheit übers Trinkgeld ausgedrückt, was zumindest den Obern und Kellnerinnen auch heute noch weitaus lieber sein dürfte als ein säuberlich ausgefüllter Bewertungszettel.

Und selbstverständlich darf man auch einem Taxifahrer zwei Euro geben, wenn er einen besser als jemals einer seiner Kollegen zuvor kutschiert hat – oder einfach sehr freundlich war! Eine nette, vertrauliche Geste, von der sein Arbeitgeber zudem nichts erfährt. Und verpetzen kann man ihn so auch nicht. Man gibt stattdessen einfach kein Trinkgeld.

Darf ich fragen, wie Sie das bewerten?

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