GESUNDHEIT: Zu Unrecht unter Verdacht

Erstmals vor etwa sechzig Jahren hieß es, Milch mache „müde Männer munter“ – ein Slogan der deutschen Milchwirtschaft, der zum geflügelten Wort geworden ist. „Dieser Werbespruch war wissenschaftlich noch nie haltbar, außer dass Milch Energie liefert, aber das macht ein Brot oder ein Apfel auch“, sagt Bernhard Watzl, Leiter des  Instituts für Physiologie und Biochemie der Ernährung beim Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel (Max-Rubner-Institut) in Karlsruhe. „Der Slogan sollte bei den Menschen gut ankommen – und das ist er, sonst würden wir nicht heute noch darüber sprechen.“ Später wurde das flüssige Lebensmittel beworben mit Aussagen wie „Die Milch macht´s“ oder „Milch ist meine Stärke“.

Man muss solche Sprüche nicht toll finden, aber es ist auch nicht ganz einfach, für ein seit etwa 7000 Jahren mehr oder minder gebräuchliches Erzeugnis Reklame zu machen, das vielen Menschen als Allerweltsprodukt gilt. Und für etwas, das so gewöhnlich erscheint, mag man eben auch nicht gerne viel Geld ausgeben – wobei das nicht der einzige Grund für die aktuell sehr niedrigen Milchpreise ist, unter denen vor allem kleinere Milchviehbetriebe so arg leiden, dass allein von Mai 2015 bis Mai 2016 fast jeder zwanzigste von ihnen (4,6 Prozent) aufgegeben hat. Milchbauern erhalten derzeit nur wenig mehr als 20 Cent für den Liter, bräuchten zum Überleben aber das Doppelte. Discounter verschleudern Milch für weniger als einen halben Euro, während Milchersatz-Getränke aus Hafer, Reis, Soja oder auch Kokosnüssen und Mandeln deutlich teurer verkauft werden können, vor allem im Bio-Handel.

Das würde man sofort verstehen, wenn solche Getränke mehr wertvolle Nährstoffe enthielten oder gar gesünder wären als die Milch von Kühen. Oder auch als Schaf- und Ziegenmilch – zwei Nischenprodukte, die mengenmäßig gegenüber Kuhmilch kaum ins Gewicht fallen und  meist ohnehin zu Käse und Joghurt verarbeitet werden.

Doch mit Ausnahme der traditionsreichen Sojamilch seien die Drinks aus Hafer und anderen Getreide-Arten gar „nicht gesund“, urteilt Bernhard Watzl. Bei ihnen müsse „viel imitiert werden, was die Milch von Natur aus mitbringt“, zum Beispiel Geschmack und Farbe. Und Calcium, das in der Milch in hohem Maße enthalten ist, wiesen „solche Kunstprodukte“ erst recht nicht auf, weswegen es oft ebenfalls hinzugefügt werde, merkt Watzl an. „Wer sich naturnah ernähren und auf Lebensmittelzusätze verzichten möchte, sollte eigentlich nicht zu Kunstprodukten greifen, die stark verarbeitet und mit Zusätzen angereichert sind“, sondern lieber zu Milch. Es sei denn, man wolle nur vegane Produkte konsumieren, „auch wenn das eine reine Kulturfrage ist, keine Frage der Gesundheit oder Ernährungsphysiologie“. Es gebe „keine ernährungswissenschaftliche Begründung“ für eine vegane Ernährung. „Der Mensch war ja nie Veganer“, fügt der Professor für Ernährungswissenschaft hinzu.

Für Kuhmilch hingegen spreche sehr viel. „Alle Ernährungsgesellschaften in westlichen Industrieländern, in denen Milch eine lange Tradition hat, stufen sie als gesund ein und empfehlen sie als Lebensmittel“, betont Watzl. „Milch hat viele Inhaltsstoffe, die für Kinder und Erwachsene wichtig sind, da gibt es unter Fachleuten keine Debatten.“ (...)

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