GESUNDHEIT: Wenn die Kälte juckt

Es begann im Sommer 2014. Sie war mit ihren Freundinnen im Freibad, schwamm und planschte im kühlen Nass, wie Wasserratten es nun mal tun. „Plötzlich habe ich gemerkt, wie meine Beine langsam taub geworden sind“, erinnert sich Maike. „Und meine Finger sind angeschwollen, so dass ich gar keine richtige Faust mehr machen konnte.“ Als die 15-jährige beunruhigt das Becken verließ, sah sie die Quaddeln auf ihrer Haut. „Die waren überall, vor allem aber an den Händen und Füßen. Und dann kamen noch Kopfschmerzen dazu, und mir wurde schwindlig.“

Das Mädchen duschte erst einmal lange. „Nach einer Stunde oder so ist es besser geworden mit dem Jucken und den Schwellungen.“ Doch die Empfindlichkeit für Kälte ist geblieben. Im Winter fühlt sich das Gesicht des Mädchens im Freien taub an, „als hätte ich so eine Gummi-Maske drübergezogen“. Maike, die in Wahrheit anders heißt, mummelt sich immer gut ein, wenn sie nach draußen geht. Schon das ist lästig genug.

Die Jugendliche leidet an einer Kälte-Urtikaria, auch Kälte-Nesselsucht genannt. Der Begriff Nesselsucht ist – wie auch das Wort Urtikaria – von den Brennnesseln (Urtica) abgeleitet. Auch wer sich an den Brennhaaren dieser Pflanzen verätzt, sieht bald die typischen Quaddeln auf der Haut, umgeben von einer juckenden Rötung. Die Quaddeln können zwar auch durch allergische Reaktionen auftreten, wenn bestimmte Nahrungsmittel, Duftstoffe oder Medikamente nicht vertragen werden. Doch Menschen mit einer Kälte-Urtikaria (KU) sind keine Allergiker – weshalb auch der geläufige Begriff „Kälte-Allergie“ irreführend ist.

Die Quaddeln und Hautrötungen können nämlich auch von physikalischen Reizen hervorgerufen werden, etwa von Licht, Druck oder Röntgenstrahlen, aber auch durch Wärme und Kälte. Fachleute sprechen von einer Schein-Allergie. Denn erstens reagiert der Körper hierbei nicht auf eine unverträgliche Substanz, sondern auf nichtstoffliche Reize. Und zweitens stellt das Immunsystem dann keine Antikörper gegen Umweltallergene her, also keine speziell zur Abwehr gedachten Eiweißstoffe wie das bei Allergien typische Immunglobulin E. Der Effekt für Betroffene ist jedoch im Wesentlichen gleich: Mastzellen der Haut setzen den Botenstoff Histamin frei, der wiederum Entzündungsreaktionen in Gang setzt und heftigen Juckreiz auslöst.

Wie viele KU-Geplagte hierzulande leben, ist unklar. „Es gibt kaum Studien hierzu“, sagt der Dermatologie-Professor Marcus Maurer, der die Urtikaria-Sprechstunde an der Berliner Charité leitet. „Schätzungen gehen von mehreren zehntausend bis hunderttausend Fällen in Deutschland aus.“ Bei den meisten Betroffenen führt die Kälte unmittelbar dort, wo sie einwirkt, innerhalb von wenigen Minuten zu den erwähnen Rötungen und Quaddeln, etwa wenn ein Schneeball auf die Haut trifft oder ein kalter Schlüssel sie berührt. Auch eine plötzliche, kalte Bö kann die Symptome hervorrufen – wie auch schlicht kalte Luft, die unbedeckte Hautpartien auskühlt. „Bei manchen Patienten entwickelt sich diese Reaktion erst dann, wenn sie nach dem Aufenthalt in der Kälte in einen warmen Raum kommen“, sagt der Dermatologe Professor Jürgen Grabbe, Leiter der Allergologie  am Kantonsspital Aargau. Jedoch ist längst nicht immer das Erreichen oder Unterschreiten einer bestimmten Mindesttemperatur in der Umgebungsluft entscheidend dafür, ob Histamin ausgeschüttet wird und die Entzündungsreaktion anläuft. Bewirken kann das schon ein markanter Wärmeverlust der Haut wie beim Verdunsten von Schweiß im dadurch kühlenden Wind.

Schütten die Mastzellen sehr viel Histamin aus, wird der Botenstoff zum Gift. Dann kann der Blutdruck bedrohlich sinken, manchmal bis zum Organversagen. Auch Atemnot, ein beschleunigter Puls („Herzrasen“) sowie Erbrechen können die teils gefährlichen Folgen eines solchen Schocks sein. Bei manchen echten Allergikern reicht dazu ein Wespenstich; für Menschen, die überaus heftig auf Kältereize reagieren, kann bereits der Sprung in kühles Wasser lebensgefährlich sein, weil die Histaminflut im Körper die Adern weitet, den Blutdruck absacken lässt und die Schwimmer bewusstlos macht.

Eine KU ist kein Kinkerlitzchen. „Fasttodesfälle sind häufig, notfallärztliche Behandlungen auch“, sagt Marcus Maurer von der Charité. Zwar kenne er selber keinen Todesfall. „Ich vermute aber, die Dunkelziffer ist erheblich.“ So mancher, der vermeintlich grundlos nach einem Sprung ins Wasser nicht mehr auftauchte, könnte das Opfer eines pseudo-allergischen Schocks geworden sein.

Wer bereits die beklemmende Erfahrung machen musste, dass selbst ein kühles Bier die Schleimhaut in Mund und Rachen anschwellen lässt, sollte gewarnt sein. Denn diese Reaktion deutet an, dass ein bislang stets unbedenklicher Hüpfer vom 5-Meter-Brett künftig böse enden könnte – oder auch das nächste kalte Getränk. Gefährlich für solche Menschen können sogar kühle Infusionen sein. Umgekehrt sei es ein „prognostisch gutes Zeichen“, wenn ein Patient auf den Genuss von Eiskrem oder kalter Limonade nicht mit Schwellungen oder Quaddeln reagiere, sagt Jürgen Grabbe. Ein Sprung oder Fall in vergleichsweise kaltes Wasser gehe dann wahrscheinlich glimpflich aus.

Wer auf Kälte mit starken Nesselsucht-Anzeichen reagiert, sollte für alle Fälle zwei Notfallmedikamente griffbereit haben. Fachleute empfehlen ein möglichst flüssiges Cortison-Präparat sowie einen ebenfalls trinkbaren Histamin-Rezeptoren-Blocker gegen allergische Reaktionen. Solche Mittel hemmen oder unterbinden die Wirkung des bei Kältereizen ausgeschütteten Histamins. Prinzipiell „wäre auch die Einnahme von Tabletten möglich“, sagt der Kölner Dermatologe Christian Stanger. Trinkbare Präparate lassen sich aber auch dann noch einnehmen oder verabreichen, wenn die Zunge und der Rachen des Betroffenen durch den Kältereiz bereits stark angeschwollen sind. Wer extrem auf Kälte reagiert und einen anaphylaktischen Schock mit Kreislaufkollaps befürchten muss, sollte beim Besuch von Freibädern im Sommer oder bei Bootstouren zusätzlich einen Adrenalin-Stift (Autoinjektor-Pen) griffbereit haben. Diese Einmalspritze setzt man am äußeren Oberschenkelmuskel an und drückt sich den Inhalt dann beherzt ins Bein – was bei bereits eingetretener Bewusstlosigkeit ein eingewiesener Helfer tun muss. Und dann heißt es: ab in die nächste Klinik.

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Was tun gegen Kälte-Nesselsucht?

Im Winter, besonders an sehr kalten Tagen, kann es hilfreich sein, vorbeugend ein Anti-Histamin-Mittel zu schlucken, so wie Allergiker während des Pollenflugs. Auch das Bestrahlen mit UV-B-Licht „kann funktionieren“, sagt der Berliner Hautallergie-Experte Marcus Maurer, sei aber „kein Standard“. In etwa einem Drittel der Fälle hat sich die Gabe von Penicillin bewährt, sofern es gespritzt oder per Infusion verabreicht wird. Unklar ist noch, warum Penicillin oder andere Antibiotika, so genannte Tetrazykline, wirken können. Sollten bisher unerkannte Entzündungen im Körper die KU ausgelöst haben, könnte mit der geheilten Grunderkrankung auch die Schein-Allergie verschwinden.

Schließlich lässt sich eine größere Toleranz gegenüber Kälte auch erlernen, indem der Körper immer tieferen Temperaturen ausgesetzt wird, zum Beispiel durch mehrfaches Duschen am Tag. Der Aargauer Hautmediziner Jürgen Grabbe merkt jedoch an, dieses mühsame Vorgehen sei „nur selten auf Dauer praktikabel“. Nur wenige Patienten halten die Prozedur diszipliniert durch. Durchschnittlich sieben Jahre lang plagt das Leiden die Betroffenen, nach zehn Jahren sind die meisten es wieder los – und irgendwann laut Maurer sogar „100 Prozent“. Vielleicht ist das ja ein Trost.

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Riskante Kälte

Die Kälte-Urtikaria wird im Laufe des Lebens erworben, von Frauen etwa doppelt so oft wie von Männern und in kalten Ländern häufiger als in wärmeren. Ob sie vorliegt und ab welcher Temperaturschwelle die Haut eines Betroffenen reagiert, können Hautärzte mit Eiswürfeln herausfinden, die unterschiedlich lange auf den Unterarmen dahinschmelzen. Inzwischen setzen Dermatologen auch spezielle Kältetestgeräte ein, um die Schwellentemperatur jedes Patienten individuell zu bestimmen. In seltenen Fällen schafft jedoch erst der Aufenthalt in einer speziellen Kältekammer Klarheit.

Der Hautmediziner und Allergologe Marcus Maurer empfiehlt in schweren Fällen die Behandlung an den Urtikaria-Spezialzentren der Universitäts-Hautkliniken in Mainz oder Berlin (Charité), wo er selber tätig ist. Betroffene sollten vor allem darauf achten, „rasche Temperaturunterschiede von warm nach kalt“ zu vermeiden. Zu vermeiden sind also beispielsweise gekühlte Getränke, Eiskrem oder kaltes Abbrausen nach einer warmen Dusche.

Ausführliche Infos unter:

www.urtikaria.net/de/formen-der-urtikaria/physikalische-urtikaria/kaelteurtikaria.html

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