GESELLSCHAFT: Schwarz-Rot-Schwierig

Vor 36 Jahren, im Juli 1980, verblüffte mich ein kleiner Junge in Irland. Selbst erst 15 Jahre alt, stand ich im Zentrum Dublins, der Hauptstadt der irischen Republik, vor einer Bäckerei und wartete auf die anderen Jungs aus unserer Pfadfindergruppe, die sich im Laden noch mit Kuchen versorgten. Plötzlich stand der 8- oder 9-jährige keinen Schritt weit vor mir und starrte auf meinen Brustkorb. Er sah geradezu versonnen auf mein blaues Pfadfinderhemd, auf dem in Höhe meiner linken Brust ein Aufnäher angebracht war – eine winzige Deutschlandflagge in den Farben Schwarz-Rot-Gold.

Ich kam gar nicht mehr dazu, den Kleinen zu fragen, warum er so merkwürdig glotzte. Stattdessen fragte er mich auf Englisch: „Bist du aus Deutschland?“ Und als ich das bejahte, lächelte er mich noch einen Moment lang an, als sei ich ein Held seiner Kinderträume, und lief dann weg.

Ich weiß noch genau, welche gemischten Gefühle dieses Erlebnis in mir auslöste. Im Wesentlichen erschien mir die Sache als unverdientes Lob – nicht ich war schließlich bestaunt worden, sondern die Flagge meines Heimatlandes. Damals kam ich gar nicht auf die Idee, dass der erst wenige Wochen zurückliegende deutschen Endspiel-Sieg bei der Fußball-Europameisterschaft am 22. Juni 1980 dazu beigetragen haben könnte, den Knirps beim Anblick der Bundesflagge andächtig zu stimmen. Ich wusste nur, dass die Deutschen bei den Iren vergleichsweise beliebt sind.

Schon damals übrigens trug mein Gestell-Rucksack eine etwa buchgroße aufgenähte Deutschlandfahne – recht auffällig, aber nicht ganz unüblich in Pfadfinderkreisen, weil man auf Zeltplätzen so gegenüber anderen Gruppen deutlich machte, woher man kam – und das förderte den Kontakt durchaus. Allerdings hissten wir keine Flagge über den schwarze Zeltplanen unseren Jurten und Kohten – davon war man 1980 noch weit entfernt, besonders in meinem Pfadfinder-Stamm. Der wurde nämlich von eher linksliberalen Erwachsenen geführt, und abends am Lagerfeuer sangen wir zur Klampfe Lieder wie „Die Moorsoldaten“, erstmals erklungen 1933 aus den Kehlen von Häftlingen im KZ Börgermoor.

Mit der Nationalfahne war es ohnehin so eine Sache. Schon früh war mir – zumal als jungem Fußball-Fan – aufgefallen, dass es für Italiener oder Spanier und später auch für Türken völlig normal war und heute noch ist, nach einem Sieg ihrer jeweiligen Nationalmannschaft mit dröhnenden Autohupen durch die Straßen zu brausen und dabei ihre Landesfahnen zu schwenken oder sie aus dem geöffneten Wagenfenster in den Fahrtwind zu halten. Italiener hissten ihre Flagge auch viel eher in ihren Schrebergärten als Deutsche, und kein Mensch hätte sie deshalb für Nationalisten gehalten. Als Deutscher aber, der über seinen Radieschen oder Lauchzwiebeln die Deutschlandfahne wehen ließ, setzte man sich ziemlich leicht dem Verdacht aus, ein Ewiggestriger zu sein, bestenfalls ein rückwärtsgewandter Patriot.

Das war schon deshalb merkwürdig, weil die schwarz-rot-goldene Flagge beim Hambacher Fest 1832 die Fahne aufmüpfiger, wenngleich national gesonnener Kräfte um die Publizisten Siebenpfeiffer und Wirth war, die das zersplitterte Deutschland einen und der Provinzfürsten-Willkür ein Ende bereiten wollten. Später, im revolutionären Jahr 1848, wurde Schwarz-Rot-Gold dann von der Frankfurter Nationalversammlung als deutsche Flagge proklamiert. Diese Trikolore war später, nach der Kaiserzeit, dann auch die Fahne der Weimarer Republik. Ausrangiert wurde sie nach Hitlers Machtergreifung durch die Nazis.

Man kann also zu dieser Fahne als Republikaner durchaus stehen, wenn man nicht gänzlich gegen nationale Symbole ist oder die Europaflagge bevorzugt. Doch nach dem generellen Missbrauch von allem Nationalen durch Hitlers Nazi-Bande – und beklatscht von Millionen Mitläufern – war es nur allzu verständlich, dass viele Bundesbürger – zumal die jüngeren – sich nach 1949 mit dem Schwenken und Hissen selbst von Schwarz-Rot-Gold reichlich schwertaten.

Mir ging es als jungem Erwachsenen ähnlich. Nie wusste man ja so recht, welche Signale man mit der bundesdeutschen Nationalfahne aussandte – oder besser: welche Botschaft Beobachter dadurch empfingen. Auf keinen Fall wollte man missverstanden und in eine unliebsame politische Schublade gesteckt werden.

Am wenigsten problematisch war der Umgang mit Fahnen und Wimpeln noch im Fußballstadion oder auf dem Weg dorthin: Wer hier die Nationalflagge schwenkte, wollte offenbar nur die elf Kicker mit dem Bundesadler auf der Brust anfeuern und sich selbst als Mitglied der deutschen Fangemeinde fühlen, nicht aber ein nationalpatriotisches Bekenntnis ablegen – von Ausnahmen abgesehen.

Es kann einen bis heute Skepsis befallen, wenn man das Brimborium und Getue betrachtet, das selbst manche mit Deutschland befreundete Staaten rund um ihre nationalen Symbole rituell aufführen – so etwa die Franzosen an ihrem ehrenwerten Nationalfeiertag am 14. Juli, die Briten bei Auftritten ihrer unverwüstlichen Queen oder die US-Amerikaner bei jeder möglichen Gelegenheit. Viele Vorgärten in den USA ziert (oder verunziert, je nachdem) eine US-Flagge, und wer je beim weihevollen Hissen oder Einholen des blau-weiß-roten Sternenbanners anwesend war, der hat sich angesichts des triefenden Patriotismus vielleicht auch schon mal unwohl gefühlt.

Als ich im Sommer 1990 während eines einjährigen Studienaufenthaltes in Nordamerika drei Monate im Custer State Park im US-Bundesstaat South Dakota verbrachte und im Park für den Besucherdienst tätig war, gehörte an manchen Tagen morgens das Aufziehen der Sterne-und Streifen-Fahne ebenso zu meinen Aufgaben wie das Einholen der Flagge abends oder bei einsetzendem Regen. Die Fahne soll nämlich niemals wie ein nasser Sack im Regen hängen. Das US-Flaggengesetz gibt ohnehin vor, sie bei Regen und Sturm (...)

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