GENUSS: Lassen Sie sich mal anpflaumen!

Müsste sich die Pflaume anderen Pflanzen auf einer botanischen Party anderem Obst vorstellen, könnte sie das so tun: „Ich entstamme der Klasse der Dreifurchenpollen-Zweikeimblättrigen, der Unterklasse Rosenähnliche, der Ordnung Rosenartige, der Familie Rosengewächse und der Gattung Prunus. Und was die Art anlangt, bin ich eine Pflaume. Außerdem habe ich sieben Unterarten.“ Unarten hingegen sind nicht bekannt. Das also wäre geklärt.

Nicht jedoch der seltsam unselige Ruf dieser andererseits ja beliebten Obstsorte, die ihre typische Farbe wasserlöslichen Pflanzenfarbstoffen (Anthocyanen) verdankt. „Allein bist du eine Pflaume“, hat der 2011 verstorbene Helmut „Jockel“ Bracht, zeitweilig Vorsitzender des Ältestenrates beim Bundesligisten Borussia Dortmund, rückblickend auf sein Leben als Fußballer geurteilt. Zwar hätte kaum jemand dem dreimaligen Deutscher Meister (1956, 1957 und 1963) in diesem Punkt widersprechen wollen. Doch was können Pflaumen dafür, dass allein auf sich gestellte Kicker verständlicherweise verloren sind auf dem Platz?

Der Ruf der blauen-violetten Frucht könnte jedenfalls besser sein. Wer andere anpflaumt, meint es nicht gut mit ihnen. Bälle, die als „Pflaume“ oder mancherorts auch als „Quetsche“ gelten und sozusagen aus dem Leim gegangen sind, würde die Fifa zu keinem Länderspiel mehr zulassen. Zum Glück kann man es auch mit dem Namen Kai Pflaume zum Fernseh-Moderator bringen.

An all das haben die alten Römer noch keinen Gedanken verschwenden müssen – obwohl sie verantwortlich sind für die Pflaumensüße des deutschen Spätsommers. Ähnlich wie bei der Edelkirsche, der Elbling-Rebe und der Walnuss geht auch der Anbau der Europäischen Pflaume (Prunus domestica) hierzulande auf römische Genussfreude zurück: Die antiken Besatzer wollten auch im Land der Kelten und Germanen kulinarisch nicht darben.

Vermutlich um das Jahr 150 vor Christus haben die Römer die bis heute beliebte Frucht aus Kleinasien, Griechenland oder dem Kaukasus nach Italien eingeführt und später auch nördlich der Alpen verbreitet – sicher eine ihrer besseren Taten. Ursprünglich entstanden sind die Pflaumen vermutlich, indem Kirschpflaume und Schlehe gekreuzt wurden.

Eine Spätsommer-Küche ohne den Bläuling unter den Früchten, das wäre wie ein Winter ohne Zimt und Gewürznelken – mit anderen Worten: eine ärmliche Veranstaltung. Doch um der prallen Frucht ein Loblied zu singen, muss erst einmal klar sein, was man darunter überhaupt versteht: Denn nicht nur in der Küche, auch in der Sprache sollte man Pflaumen und Zwetschgen nicht in einen Topf werfen – auch wenn es schwer ist, bei etwa zwei Dutzend in Deutschland üblichen und weltweit überzweitausend Sorten den Überblick zu behalten.

Zur Frucht-Familie der Pflaumen gehören die sommerlichen Rund- und Eierpflaumen, deren gelbes Fruchtfleisch sich zum Verdruss von Kuchenbäckern meist nicht einfach vom Stein lösen lässt. Dann sind da noch die länglichen, spitz zulaufenden Zwetschgen, die anders als Sommerpflaumen keine Fruchtnaht aufweisen. Da sich ihr Stein gut ablösen lässt, sind sie für Zwetschgen-Kuchen (in Bayern Zwetschen-Datschi genannt) am besten geeignet. Sowohl frische Zwetschgen als auch Pflaumen sind von einer weißen Wachsschicht überzogen, die sie vor raschem Austrocknen schützt. Früchte mit diesem reifartigen Überzug deuten auf schonende Behandlung hin – ein Qualitätsmerkmal also.

Auch die nur etwa kirschgroßen, gelben und sehr zuckerhaltigen Mirabellen sowie die grünlich-gelben, sehr ballaststoffreichen Renekloden oder Reneclauden gehören zu den Pflaumen, botanisch bilden sie Unterarten. Renekloden sind nach Königin Claudia (Reine Claude), der Tochter des französischen Königs Ludwig XII. (1462-1515), benannt und heißen mancherorts Ringlotten, Zucker-Pflaumen, Dauphinen oder Edelpflaumen. Auch ihr Stein löst sich schlecht, weil er mit dem Fruchtfleisch gut verwachsen ist.

Schließlich gibt es noch die große Japanische Pflaume, die besonders im Winterhalbjahr als Importfrucht aus Südafrika oder Chile nach Deutschland kommt. Da ihr Transport viel Energie verschlingt, ist es ökologisch ratsam, auf sie zu verzichten, zumal da so die Vorfreude auf heimische Früchte größer ist – leckerer sind diese ohnehin

Schon Römer und Griechen ließen sich Pflaumen nicht nur schmecken; sie schätzten sie auch wegen ihrer gesundheitlichen Wirkungen. Die Pflaume löscht ganz ordentlich den Durst, weil sie viel Wasser enthält – und weniger Zucker als gedacht. Ein Kilo Pflaumen enthält je nach Sorte und auch klimabedingter Süße 500-600 Kalorien.

Sämtliche Vitamine der nervenstärkenden B-Gruppe, Provitamin A und auch die Vitamine E und C macht machen die Pflaume zu einer sehr gesunden Frucht, die Stress abmildert und geistig erfrischt. Obendrein wirkt sie harntreibend und führt wegen ihres hohen Ballaststoff-Gehalts ab.

Da der Fruchtzucker rasch vom Körper aufgenommen wird, eignet sich Pflaumen, Zwetschgen und Co. sehr gut als Imbiss bei Dauersportarten wie Wandern und Radfahren. Trockenfrüchte sparen hierbei Gewicht, allerdings sinkt durch die Trocknung der Vitamin-Gehalt gegenüber der frischen Frucht.

(mögliches ENDE hier bei 5100 Anschlägen , oder weiter)

Dass manche Pflaumen auch tierisches Eiweiß enthalten, liegt an den Maden des Pflaumenwicklers (Grapholita funebrana). Der Kleinschmetterling mit bescheidenen 15 Millimetern Spannweite legt seine Eier an den Früchten ab. Ausgeschlüpft bohren sich die Larven – und wer wollte es ihnen verdenken – in die Früchte. Um den Befall zu begrenzen, ist es ratsam, heruntergefallene madige Früchte einzusammeln und zu vernichten, damit sich die Larve nicht zum Schmetterling weiterentwickeln kann, der wiederum Eier ablegt.

Auch der Pflaumenbohrer (Rhynchites cupreus) gehört nicht unbedingt zu den Freunden von Obstwiesen-Besitzern. Der 3,5-8 Millimeter lange Rüsselkäfer von dunkler Kupferfarbe (deshalb auch Kupferroter Pflaumenstecher genannt) befällt nicht nur Pflaumen-, Zwetschgen- und Mirabellen-Bäume, sondern auch Kirschen- und Aprikosen-Gewächse. Im Mai nagt das Insekt in 90-100 Früchte je ein Loch und legt ein Ei hinein. Den Fruchtstiel beißt er so weit durch, dass die Pflaume bald darauf zur Erde fällt, wo sich die schlüpfenden Larven etwa zwei Wochen lang vom Fruchtfleisch ernähren. Zum Verpuppen verlassen sie dann ihre Pflaumen-Kinderstube – ein Abschied auf immer.

(insgesamt 6280 Anschläge; Pflaumenwickler-Zusatz auch als Zusatzkasten möglich)

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(Kasten)

Wetteranfälliges Obst

Die Pflaumen- und Zwetschgen-Ernte in Deutschland schwankte zuletzt, je nach Witterung, erheblich. Im Jahr 2015 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von kommerziell genutzten deutschen Obstbäumen knapp 47.000 Tonnen Pflaumen und Zwetschgen gepflückt oder geschüttelt. Hinzu kamen rund 4.500 Tonnen Mirabellen und Renekloden. Angebaut wurden diese Früchte auf 3850 Hektar Obstland – im Vergleich zu 31.400 Hektar Apfelbaum-Plantagen.

Der Pro-Kopf-Verbrauch an Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen und Renekloden pro Jahr lässt sich nur schwer schätzen, vor allem wegen des erheblichen Selbstversorger-Anteils aus Haus- und Schrebergärten. Er liegt aber bei wenigen Kilogramm im Jahr – bescheiden im Vergleich zu Äpfeln (deutlich über zwanzig Kilo).

Ein Teil der Pflaumen, Zwetschgen und Mirabellen wandert gar nicht als Obst, sondern fließt die Kehlen hinunter, und zwar als sogenannter Verdauungsschnaps mit besonders fruchtigem Geschmack. Wobei anzumerken ist, dass Alkohol die Verdauung behindert – das wohlige Gefühl nach dem gekippten Schnaps ist die Folge betäubter Schmerzsensoren im Magen. Etliche Zentner des violetten Steinobstes überdauern die Zeiten zudem unzerkaut als Trockenfrüchte – etwa zum Basteln von „Zwetschgenmännle“, in Nürnberg „Zwetschgenmännla“ genannt.

(zusammen 1290 Anschläge)