ARTENSCHUTZ / WEINBAU: Rettung tut not für die Mutter des Weines

Wer irgendwo liest, die Weinrebe drohe auszusterben und sei eine Rote-Liste-Art mit dem höchstmöglichen Gefährdungsgrad, der könnte sich kopfschüttelnd wundern. Man sieht Weinreben doch bei jeder Fahrt durchs Tal des Mittelrheins, des Mains oder der Mosel wachsen, sowie entlang vieler anderer Flüsse auch. Rund tausend Quadratkilometer deutschen Bodens, deutlich mehr als die Fläche Berlins, tragen Rebstöcke – und allein in Frankreich ist die Anbaufläche für all die guten Tropfen von dort achtmal so groß.

Doch die Rede ist ja hier auch nicht von Wein als Kulturpflanze (lateinischer Name: Vitis vinifera, Unterart vinifera), sondern als Wildform – von jener Pflanze also, aus der die heute angebauten Rebsorten hervorgegangen sind. Gemeint ist die Wilde Weinrebe (Vitis vinifera, Unterart sylvestris), auch Echter Wilder Wein oder Europäische Wildrebe genannt. Diese stets blaubeerige Pflanze ist in Deutschland höchst selten und hat sich auch dort im restlichen Europa, wo sie überhaupt gedeihen kann, zumindest sehr rar gemacht.

Schon gar nicht darf der Echte Wilde Wein in einen Topf geworfen werden mit dem sogenannten Wilden Wein, der an vielen Hauswänden und Mauern emporwächst – und bei dem es sich in aller Regel entweder um die Selbstkletternde Jungfernrebe (Parthenocissus quinquefolia) oder die Dreispitzige Jungfernrebe (Parthenocissus tricuspidata) handelt. Beide Pflanzen aus der Familie der Weinrebengewächse stammen aus dem östlichen Nordamerika und werden gerne zum Begrünen von Außenwänden genutzt, weil sich ihr Laub im Herbst prächtig rot verfärbt.

Die Wilde Weinrebe hingegen verziert kein Mauerwerk. „Vereinfacht gesagt, ist die Weinrebe eine Auwälder-Schlingpflanze, die Wärme und eine gewisse Feuchtigkeit liebt“, schreibt Wolfgang Seidel in seiner „Weltgeschichte der Pflanzen“. Wie andere Lianen rankt sie sich an Bäumen in die Höhe, nutzt sie also als Kletterhilfe, verholzt mit der Zeit allerdings auch selbst, ähnlich wie Efeu.

Die Wildrebe bevorzugt feuchten, nährstoffreichen und tiefgründigen Lehm- und Tonboden, wie er für urwüchsige Auwälder entlang von ungezähmten Flüssen typisch ist – oder vielmehr: in Deutschland und anderen mittel- und südeuropäischen Ländern kennzeichnend gewesen ist. Denn oft haben hier nur noch kümmerliche Auwaldreste überdauert. In Deutschland existiert nach Angaben des Naturschutzverbandes BUND an größeren Flüssen lediglich noch etwa ein Prozent der ursprünglichen Flussbegleitvegetation.

Für die Wilde Weinrebe ist das dramatisch, da sie angewiesen ist auf natürliche Abläufe in einem wilden Wald aus Silberweiden, Erlen, Ulmen, aber auch Eichen und anderen Gehölzen. In einem Auwald, der den Namen verdient, tritt der jeweilige Fluss immer wieder über sein Ufer und verlagert dabei mitunter auch seinen Lauf – oder vielmehr: seine verzweigten, oft sogar zopfartig miteinander verschlungenen Läufe.

Da dies nicht alle Bäume im Auwald gleich gut vertragen oder sogar unterspült werden und irgendwann umfallen oder weil sie einen natürlichen Alterstod sterben, öffnen sich immer wieder Lichtlöcher im Kronendach des Waldes. Erst dadurch bekommt die Wilde Rebe als lichthungrige Art genug Sonnenstrahlen ab. In einem künstlich angelegten Altersklassenforst, in dem alle Bäume gleich alt sind und ähnlich hoch aufragen, hat sie keine Chance – allenfalls noch am Saum des Forstes oder nach einem Kahlschlag am Rand der Lichtung.

Inzwischen steht es so übel aus für die Wildrebe, dass es sie in Deutschland nur noch an wenigen Standorten im Oberrheingraben gibt. Insgesamt existierten dort „nur noch wenige hundert Pflanzen“, heißt es in einem Projektbericht zur „Überlebenssicherung der Wildrebe in den Rheinauen“, an dem das WWF-Aueninstitut, das Botanische Institut am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das staatliche Julius-Kühn-Institut (JKI) für Rebenzüchtung  Geilweilerhof in Siebeldingen mitgewirkt haben. Und als wäre dies nicht schon dramatisch genug, handelt es sich bei einem Teil der noch vorkommenden Wildreben um inzwischen neu gepflanzte Exemplare, teilweise auch um genetisch mit Kulturreben vermischte Hybridpflanzen.

Letztlich gibt es in Deutschland nur noch einen einzigen Standort mit einer nennenswerten Zahl echter Wildreben, nämlich auf der Ketscher Rheininsel südlich von Mannheim, einer Insel zwischen dem heutigen Rheinstrom und einer abgeschnürten Altrheinschlinge. Dort wachsen nach Angaben des zuständigen Revierförsters Norbert Krotz noch etwa hundert wilde Wildreben. Doch „ohne umfassende Schutzmaßnahmen“ würden auch sie aus den Rheinauenwäldern „in naher Zukunft verschwinden“, warnt der Bericht. Denn „die kritischen Populationsgrößen sind unterschritten, einige isolierte Restbestände bestehen nur aus weiblichen oder männlichen Individuen“. Die Bestandsgröße ist als in höchstem Maße kritisch zu bezeichnen.

Verschwände die Wildrebe zumindest aus der freien Landschaft